Das Schiff sinkt
02.07.2010 | von Karl Richter | Kategorie: TitelthemaAuflösungserscheinungen auf der Kommandobrücke der BRD
Das Bild ist zwar reichlich abgedroschen, es paßt aber immer wieder. So fällt einem auch mit Blick auf einige prominente Personalien der letzten Wochen ganz spontan die Feststellung ein: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
Nun sind gerade der gewesene hessische Ministerpräsident Roland Koch und der ebenso gewesene Bundespräsident Horst Köhler gewiß keine »Ratten«. Eher das Gegenteil ist richtig: gemessen am sonstigen Niveau des bundesdeutschen Politikbetriebes sind beide Herren noch vergleichsweise hochkarätige Köpfe.
Man wird auch annehmen dürfen, daß beide besser informiert sind als der durchschnittliche bundesdeutsche Fernsehkonsument und über den einen und anderen Einblick in die wahre Lage unseres Landes verfügen, der Otto Normalverbraucher versagt ist. Da gibt es Hintergrund- und Kamingespräche, Insider-Dossiers und vertrauliche Lageberichte – alles Informationen, die dem gewöhnlichen Wahlvolk normalerweise nicht vorliegen.
Und dann soll es ausgerechnet eine mißverständliche Passage in einem Pressegespräch über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gewesen sein, die den höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik zum Rücktritt treibt? Aber Herr Köhler, bei allem Respekt, das glauben Sie doch selber nicht!
Richtig wird vielmehr sein, daß auch Horst Köhler, der vormals immerhin Direktor des Internationalen Währungsfonds war, sehr viel genauer weiß als der Durchschnittsdeutsche, wohin die Reise geht. Gerade als Banken-Insider wird Köhler die volle, die ungeschminkte Wahrheit kennen, die ziemlich brutal sein dürfte. Die »Titanic« namens Deutschland hat den Eisberg auf ganzer Länge gerammt. Das Wasser schießt durch Lecks, die groß wie Scheunentore sind. Und die unteren Decks sind bereits abgesoffen, während oben noch die Tanzkapelle spielt.
Wer sind die nächsten?
Worüber reden wir? Über vorgebliche »Rettungsschirme« in dreistelliger Milliardenhöhe, zuerst für marode Banken, inzwischen für ganze Volkswirtschaften, die für ganze Völker auf Generationen hinaus eine gnadenlose Verschuldung bedeuten. Wir reden über ganze Volkswirtschaften, die von »unseren« Politikern sehenden Auges an die Wand gefahren werden. Und wir reden über zahllose Herausforderungen unseres Überlebens, die von eben diesen Politikern ignoriert, ausgeblendet und genau dadurch bis ins Desaströse verschlimmert werden.
Niemandem, der unter solchen Umständen das Weite sucht, ist das zu verübeln – zumal wenn er keinerlei Möglichkeit sieht, an diesem Katastrophenkurs auch nur ein Jota zu ändern. Das gilt hierzulande auch und gerade für die Spitzen des Landes. Sie haben nichts, aber auch gar nichts zu entscheiden. Die Entscheidungen fallen ganz woanders.
Da ist es allemal ehrenvoller, von Bord zu gehen. Man darf gespannt sein, wer die nächsten sind.









