Danke, Lena!
01.07.2010 | von Sigrid Schuessler | Kategorie: TribüneDiesmal war der »Eurovision Song Contest« ein nationales Großereignis
Wenn Türken und Russen englisch singen, wenn Israel und Länder, die man auf der Landkarte erst suchen muß, wie Aserbaidschan oder Armenien, plötzlich zu Europa gehören, wenn eine Sendung die höchste Einschaltquote der Welt hat, dann ist man beim »Eurovision Song Contest« gelandet.
Hervorgegangen ist das heutige Spektakel aus dem in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gestarteten jährlichen »Grand Prix d’Eurovision de la Chanson«, wo Schlagerstars aus ganz Europa zum Sängerstreit wie einst auf der Wartburg antraten. Mittlerweile der üblichen Degeneration erlegen, hat sich das Ganze zum kitschüberladenen, skurrilen Mega-Event gemausert, der sich nur noch mit viel Alkohol im Blut ertragen läßt.
Wie im Märchen
Und doch oder gerade deshalb diese einzigartige Einschaltquote. Ist es der Wunsch nach Unterhaltung mit dem Extra-Kick des Kräftemessens der Nationen? Ist es nostalgische, identitätssuchende Schwärmerei in Zeiten des »globalen« Denkens, Fühlens und Handelns? Ist es die Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten Zusammengehörigkeitsgefühl? Ist es die kindliche Gewinnlust der Brot-und-Spiele-Generation unserer Tage?
Man will siegen, und man will diesen Sieg nicht für irgendein Lied oder irgendeinen Interpreten, einen Sänger oder am Ende jemanden, der das Wort Künstler vielleicht verdient, nein, man will den Sieg für die eigene Nation, in unserem Fall also tatsächlich (antiquiert und ewiggestrig?): Sieg für Deutschland!
Und dieses Jahr geschieht es. Nachdem völlig vaterlandslose Gesellen aus der Riege der professionellen Massenbespaßungs und -verblödungsindustrie, wie der dauergrinsende Pro 7-Moderator Stefan Raab, das Wort der »nationalen Aufgabe« prägen, fällt ein kleiner Stern vom Himmel, und zwar in Gestalt der 19jährigen Abiturientin Lena Meyer-Landrut. Und Raab macht mit tatsächlichem Gespür für Talent aus dem kleinen Stern einen Star, der vor 125 Millionen Zuschauern im Mai 2010 in Oslo den Sieg für Deutschland holt. Lena wird bei ihrer Rückkehr im heimischen Hannover auf rotem Teppich und von 40.000 Menschen jubelnd empfangen. Wie im Märchen…
Vor 28 Jahren sang sich die damals 18jährige Nicole mit »Ein bißchen Frieden« mit weißer Gitarre und blondem Engelshaar wie ein wachgeküßtes Dornröschen in den 12-Punkte-Himmel. Dieses Jahr kam Lena hinter den sieben Bergen, bei den Pro-7-Zwergen hervor – tausendmal schöner als alle anderen, weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarzhaarig wie Ebenholz. »Lena verzaubert Europa«, so heißt die ARD-Sondersendung am Tag nach ihrem Sieg, und keiner kommt oder kam vorbei an Lena-Schneewittchen.
Ganz klar steht sie da auf der Bühne im kleinen Schwarzen, ohne neudeutsche Performance, die ihren Liedbeitrag aufpeppen muß, ohne Licht- oder sonstige Effekte, ganz sie selbst, uneitel, aber selbstbewußt, nicht lieblich, nicht süß, nicht rührend, sondern natürlich, voller Energie und Lebensfreude. Ihre Augen strahlen, sie lacht beim Singen, sie flirtet mit dem Publikum, die Bühne füllt sich mit Charisma.
Nationales Erdbeben
Wie aus dem Nichts beschenkt Lena ihr komplexbeladenes Volk mit ihrer gesunden, selbstbewußten, lebendigen und lebensfreudigen Ausstrahlung. Mit geradezu anarchistischer Energie sprengt sie die Ketten bundesdeutscher Biederkeit und braver Langeweile. Die Schublade, in die sie reinpassen soll, muß erst erfunden werden. Lena wagt das Unglaubliche, sie singt sich frei und löst ein nationales Erdbeben aus.
Ein 19jähriges Mädchen namens Lena Meyer-Landrut macht über Nacht eine ganze Nation stolz. »Ich liebe Deutschland!«, singt sie ins schwarz-rot-goldene Fahnenmeer, und Deutschland liebt nicht nur, sondern ist Lena oder um es mit Lenas Worten auszudrücken: »Wer nicht mitsingt, bekommt auf den Arsch!«
Danke, Lena!









