Gibt es einen »deutschen Messias«?

22.12.2009 | von Angelika Willig | Kategorie: Diskussion / Forum

Mehr als ein Weihnachtsrätsel: die Deutschen und ihr Glaube

Wer nicht christlich ist, hat sich daran gewöhnt, das Weihnachtsfest mit der Wintersonnenwende und deren Feier in der vorchristlichen Zeit in Zusammenhang zu bringen. Die Tage werden immer kürzer und dunkler, und da sprechen die vielen Lichter, die jetzt angezündet werden, wohl jedem aus dem Herzen.

Dieses Naturgeschehen hat auch einen Symbolwert: auch im menschlichen Leben und im Verlauf der Geschichte folgt auf schwere Zeiten oft eine glückliche Wendung.
Allerdings geht es nicht nur um die ewig kreisförmige Botschaft, die sich mit der Geburt Christi verbindet. Die Geburtsstunde ist auch ein einmaliges Ereignis. Es ist die Erscheinung des Messias, der geboren ist, gekreuzigt, gestorben und aufgefahren in den Himmel. Bedenken sollte man, daß bis dahin die Juden ihre Religion exklusiv nur für das eigene Volk beanspruchten. Gott hatte angeblich mit dem jüdischen Volk einen Bund geschlossen und es allein mit einer Teilhabe an Gottes Geist ausgestattet.

Während die anderen (heidnischen) Völker ihre Götter bloß mit Opfern bedienen konnten, traten die Juden mit ihrem Gott in einen direkten Dialog ein. Mit dem Erscheinen von Jesus Christus nun eröffnete sich auch für Nicht-Juden diese Möglichkeit zum privilegierten Zugang zu Gott. Der »alte Bund« mit dem Volk Israel wurde durch Jesus in einen »neuen Bund« verwandelt, der alle Menschen mit einschloß. Nicht mehr die Kenntnis der (hebräischen) Bibel und das Einhalten der (mosaischen) Gesetze galt als Voraussetzung zum ewigen Leben, sondern die Liebe zum Nächsten, wer immer das war, ob ein Jude oder ein Grieche oder ein Sklave.

Mit dieser zweiten, speziellen Bedeutung von Weihnachten können sich nicht alle Deutschen anfreunden. Manchen erscheint es mittlerweile als eine Art von Zynismus, allen Menschen das Glück zu versprechen, während die realen Möglichkeiten dazu immer rarer werden.

Die Frage ist aber, ob sich das Ereignis Jesus Christus einfach wegwischen und ignorieren läßt. Kann man schlicht zum Heidentum zurückkehren? Manche haben es versucht, insgesamt aber setzt sich dieser Versuch nicht einmal in völkischen Kreisen durch. In der Einsicht, daß das Christentum ein zu tiefer Einschnitt in der Seele auch der Deutschen ist, haben Dichter und Denker seit dem 19. Jahrhundert einen anderen Weg beschritten. Sie machten sich auf die Suche nach einem zweiten, einem deutschen Messias, der sozusagen die Erlösung vom jüdisch-christlichen Glauben und die Versöhnung des Menschen mit der Natur zustande bringen sollte.

Hölderlin und der Dionysos-Entwurf

Die Suche beginnt mit Friedrich Hölderlin, der eine Verbindung zwischen Christus und dem griechischen Gott Dionysos herstellt. Um das Jahr 1800 standen die Deutschen ganz im Bann der Griechen. Was sie da ersehnten, waren Gesundheit, Harmonie, Lebenskraft und bald auch eine herrliche Grausamkeit, wie sie sich dann in Nietzsches Dionysos offenbart. Friedrich Hölderlin, der vielleicht das Zeug zu einem »deutschen Messias« gehabt hätte und einen neuen Gott in sich trug, konnte die damit verbundene Belastung nicht aushalten und verfiel in Wahnsinn. Viele pilgerten daraufhin zu ihm ins legendäre Turmzimmer, ohne noch irgendeine Erleuchtung zu erhalten.

Dann kam Friedrich Nietzsche, Sohn eines Pfarrers, und ebenfalls mit dem Ehrgeiz begabt, eine neue Religion zu schaffen. Zunächst schloß er sich der Kunstreligion Richard Wagners an und unterstützte deren Zentrum Bayreuth. Nach seiner Trennung von Wagner erfand Nietzsche einen Propheten, den »Zarathustra«, und stattete ihn mit einer Schar von Jüngern aus, wie er sie selbst wohl gern gehabt hätte.

Der nächste Versuch: der »Übermensch«

Zarathustra verkündete den »Tod« des alten Gottes, also Jehovas, und setzt statt dessen den »Übermenschen« als religiöse Idee ein. Der »Übermensch« geisterte noch in den Köpfen vieler junger Deutscher im ersten Weltkrieg, die das Buch von Zarathustra im Tornister trugen.

Der Übermensch ist kein Gott im metaphysischen Sinne. Es handelt sich vielmehr um eine Höherzüchtung des Menschen zu einer neuen Spezies, die zur Führung geeignet ist. Für den Menschen hat allerdings dieses Konzept, da es ihn übersteigt (transzendiert). durchaus religiösen Charakter. Es lehrt ihn wieder die Ehrfurcht. Auch Nietzsche liegt die letzten Lebensjahre krank danieder. Diesmal kommen die Pilger nach Weimar.

Schließlich hat der Dichter Stefan George den Gedanken vom Übermenschen ins rein Geistige gewandelt und wiederum sich selbst als eine Art Messias inszeniert. Besonders skurril ist sein Einfall, der 14jährige Münchner Gymnasiast Maximilian Kronberger, genannt »Maximin«, könnte die Inkarnation einer Gottheit sein. Georges Schrift von 1928 mit dem Titel »Das neue Reich« ragt bereits in die Geschichte des Nationalsozialismus hinein. Der Dichter wehrt sich gegen eine mögliche Vereinnahmung, stirbt aber ausgerechnet 1933.

Während in den anderen europäischen Ländern der »Menschheitsfortschritt« kräftig vorangetrieben wird, sind die Deutschen dabei, eine geistige Wende hin zu anderen Zielen vorzubereiten. Der neue Gottesbegriff, der sich aus der deutschen Denk-tradition herauslesen läßt, hat nicht das ewige Leben und den ewigen Frieden im Auge. Er stellt auch nicht mehr den Gegensatz dar zu Teufel und zu Sünde, sondern bezieht alle Gegensätze in sich ein.

Das sogenannte Böse, auch Tod, Krieg und Leiden sind nun Teil des Göttlichen. Eine Moral im herkömmlichen Sinne gibt es nicht mehr. Das »Reich«, das hier verkündet wird, ist nicht der Himmel mit seinen singenden Engeln und ewigen Wonnen, sondern ein Ort von Arbeit und Kampf. Die Paradiesvorstellung, die sich auch in den linken Gesellschaftsentwürfen fortsetzt, spielt in dem neuen Glauben keine Rolle mehr.

Beeinflußt von Hölderlin, Nietzsche, Wagner und George hatte sich die deutsche Jugend schon vielfach zu der neuen heroisch-philosophischen Religion bekehrt. Es fehlte allerdings die gemeinsame Kirche.

»Messias« = von Gott erwählt

Viele fanden sie im aufsteigenden Nationalsozialismus. Sie begriffen den Nationalsozialismus nicht nur als politische Richtung, sondern als eine Art Religion – und Adolf Hitler als den »deutschen Messias«.

Solche Deutungen gehen nicht nur von begeisterten Anhängern aus. Auch der Marxist Georg Lukács, ein ungarischer Jude, interpretierte Hitlers Weltanschauung aus der geschilderten Geistestradition heraus und gab seinem Hauptwerk sogar den Titel: »Die Geschichte des Irrationalismus von Schelling bis Hitler«. Die Schrift von Lukács hat viel dazu beigetragen, daß man später die wichtigen deutschen Dichter und Denker als »präfaschistisch« verleumdet hat.

Andererseits stimmt es, daß die Bedeutung des Nationalsozialismus und auch die Rolle Hitlers nur aus dieser Tradition heraus zu verstehen ist. Es handelt sich nicht nur um eine »Ersatzreligion«, die ihre propagandistischen Künste von der katholischen Kirche abschaut, sondern tatsächlich um eine Antwort auf die jüdisch-christliche Lehre, deren Niedergang kaum noch zu leugnen ist.

Die Vorstellung von Hitler als einer Messias-Figur erscheint weniger absurd, wenn man sich deren ursprüngliche Funktion im Judentum näher ansieht. Nach jüdischen Vorstellungen handelt es sich beim Messias nicht um einen »Sohn Gottes« und schon gar nicht um Gott selbst, wie es in der christlichen Dreifaltigkeitslehre der Fall ist. Das Wort heißt übersetzt »der Gesalbte«, was soviel bedeutet wie gottgesandt, von Gott auserwählt und von höherer Legitimation.

Irgendwann kommt der neue Glaube

Insofern hat Hitler mit seiner Rede von der »Vorsehung« genau diesen Anspruch erhoben. Eine göttliche Legitimation hat kraft Geburt auch jeder König. Beim jüdischen Messias geht es jedoch darum, ein (um 500 v. Chr.) erloschenes Königtum zu erneuern, und dazu bedarf es einer historischen Wende. Der Messias soll sie vollbringen und das jüdische Volk wieder in Glanz und Ehren bringen.

Wenn wir es einmal ernst nehmen, daß Hitler bei den Nationalsozialisten an die Stelle des jüdischen Messias getreten ist (nicht anstelle von Christus), dann stellt sich die Frage: Von welchem Gott ist er geschickt worden, welche Macht verleiht ihm die höhere Legitimation?

Eine heidnische oder sonst wie vorchristliche Macht kann es nicht sein, denn sie könnte sich nicht mit der Modernität messen.

Es kann nur eine Gottheit sein, die das Moment der Entfremdung, das die Moderne kennzeichnet, bereits mit berücksichtigt. Sie kann sich also nur auf jene deutsche Gottsuche beziehen, die bei Hölderlin zu dem Begriff »Seyn«, bei Martin Heidegger zum »Sein«, bei Schopenhauer und Nietzsche zum »Willen« und bei den Romantikern zur »Natur« führt.

Dieser Gott darf aber nicht wieder eine Projektion sein wie der Gott in Gestalt eines alten Juden mit Bart oder eines Germanen mit dem Trinkhorn. Es bleibt eine vage Idee, die nach der Realisierung in einem neuen Kult strebt, wie er im Umkreis von Wagner oder dem späten Nietzsche oder im George-Kreis bereits beginnt.

Das alles gehört dem Bildungsbürgertum an. Ins Volk gedrungen ist eine nachchristliche Religiosität bisher nur in Form der nationalsozialistischen Kulte. Das NS-Weihnachtsfest war ohne Zweifel der 20. April. Für den gläubigen Christen ist das ohne Zweifel Götzendienst, inmitten der Glaubenslosigkeit kann man es aber auch als Teil einer langen Suche auffassen, die irgendwann zu einem neuen Glauben führt.

Angelika Willig