Die Pädagogik der drei Affen

04.11.2009 | von Sigrid Schuessler | Kategorie: Tribüne

Irrenhaus Schule: Piep, piep, piep am Elternabend sind wir alle lieb!

Bananenrepublik

Wir als leidensfähige Eltern schulpflichtiger Kinder in der Bundesrepublik wissen, es gibt Sünden und Todsünden, Tabus, sprachliche, reale und gedankliche No-Go-Areas, die zu betreten mit absoluter Ausgrenzung und Brandmarkung geahndet werden kann.

So, um den Klassiker schlechthin zu nennen: das Tragen falscher Kleidung. Wünschst du ein Gespräch mit dem Rektor ohne langwierige vorherige Terminvereinbarung, so ziehe bitte deinem Sprößling für den Turnunterricht ein Hemd der Marke »Lonsdale« o.ä. an. Umgehend wirst du zitiert und eindringlich über die menschenverachtende Botschaft des Turnhemdes deines Kindes, den negativen Einfluß auf die Klassengemeinschaft und die Institution Jugendamt aufgeklärt.

Nicht so, wenn dein Kind bereits zu Beginn des dritten Grundschuljahres eine Liste greifbarerer Delikte vorweisen kann. Etwa eine eingetretene Sicherheitsglastür im Schulhaus, blutige Nasen auf den Hinterkopf geschlagener Mitschüler oder ähnliche Mißhandlungen an jeweils schwächeren Mitschülern, gerne auch Mädchen darunter. Hier findet zwar auch hin und wieder ein Gespräch mit dem Rektor statt, jedoch ohne den Hinweis auf gewisse staatliche Erziehungsüberwachungseinrichtungen.

Unter Berücksichtigung deines türkischen Migrationshintergrundes wird deiner unsere Kultur bereichernden Großfamilie schulische Ehre zuteil. Dein Sprößling avanciert zum »Pausenengel«. Ganz im Sinne der BRD-Schmuse- und Kuschelpädagogik wird aus deiner ultraaggressiven Brut ein Engel, der Streit schlichten und Probleme lösen, bei Verletzungen Hilfe holen und insgesamt sich vorbildlich verhalten soll. Mit dem falschen Turnhemd hast du da leider verspielt!

Meinst du dann als mitdenkendes Elternteil, deines sittlichen Erziehungsauftrages verpflichtet, beim Elternabend gewisse Dinge zur Aussprache bringen zu müssen und auch zu dürfen, so werden an dir die Mühlen politisch korrekter Gehirnwäsche vorexerziert, daß du in Fassungslosigkeit erstarrst. Damit Tätervolk auch Tätervolk bleibt und heilige Kühe unantastbar, steht elternabends die Wirklichkeit Kopf.

Der Klassenleiter als »drei Affen«-Animateur

Wenn du nach pädagogisch-politisch-korrekter Lesart irgendwo ein heulendes, völlig aufgelöstes Mädchen auf ihrem Nachhauseweg an der Bushaltestelle stehen siehst, das nicht mehr auftreten kann, weil es zuvor von zwei Jungen türkischer Herkunft getreten wurde, dann geh weiter und halt die Klappe. Keinesfalls mische dich ein und versuche die Situation vor Ort zu klären oder gar einen jungen Türken aufzufordern, während der andere das Weite sucht, sich zu entschuldigen!

Aus Toleranz, Mitgefühl und Verständnis für fremde Kulturen spricht man kurzerhand von einer »Kabbelei«! Solltest du dann der Meinung sein, eine »Kabbelei« finde unter Gleichen statt, und ein am Boden liegendes Mädchen zu treten, das zudem von einem der beiden Jungen festgehalten wurde, wäre mutwillige Körperverletzung, so wirst du hören, daß das Mädchen sich nicht auf den Boden zu legen habe und die Jungs nur gestolpert seien.

Jetzt doch keine »Kabbelei« mehr? Nein, es war gar nichts.

Die Stunde der Türkenmutter ist gekommen. Ganz in der Opferrolle aufgehend, erhebt sie klagend die Stimme der Gerechtigkeit und schleudert selbstredende Verleumdungen und Beleidigungen gegen dich. Du bist der Übeltäter, hast du doch zu unrecht ein Kind zur Entschuldigung nötigen wollen und damit großen seelischen Schaden angerichtet, ein armes Kind beschimpft, beleidigt und traumatisiert! Du bist ehrlos! Sie triumphiert.
Gefälligst ohne Käse!

Solltest du jetzt nocheinmal das Wort ergreifen wollen, um die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Schaden einer Entschuldigung zuviel auf der Seite des Jungen und dem Schaden eines mutwillig ausgeführten Fußtritts auf der Seite des Mädchens zur Sprache zu bringen, so fällt dir eine ignorante Vertreterin der Ellbogengesellschaft ins Wort, mit der Behauptung, immer gehe es um die bösen Jungs, Mädchen seien ätzend und das Ganze interessiere sie einen Käse!

Welch willkommenes Argument, eiert der Klassenleiter voller Rücksichtnahme auf die Gefühle einer Mutter, die das Ganze einen Käse interessiert, und stellt den kommenden Elternabend eigenmächtig unter das sinnstiftende Motto der »Käse- und Aggressionslosigkeit«.

Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Unangenehmes findet bis zum nächsten Elternabend nicht statt! Und an dich ergeht durch die Blume prophylaktisch schon einmal die Ausladung, denn du hast ja mit deiner ans Absurde anmutenden Sicht der Dinge den Frieden dieses Elternabends mutwillig aggressiv gefährdet.