Das KTG ist wieder da!

04.11.2009 | von Lutz Dessau | Kategorie: Tribüne

Kombinierbares Kinderturngerät feiert Wiederauferstehung / Vor 46 Jahren in Greifswald entworfen

Gewiß, seine Bezeichnung hat einen leicht amtlichen Klang: Kombinierbares Kinderturngerät (KTG) Greifswald. Und auch der Zeitraum seiner Entstehung liegt mehr als vier Jahrzehnte zurück. 1963 wurde das KTG auf der Leipziger Frühjahrsmesse einem breiten, internationalen Publikum bekannt. Mehr als 200 Bestellungen gab es damals, so aus den Ländern des Ostblocks, aber auch aus Schweden und Österreich.

Es mußte also etwas Besonderes dran sein an dem kombinierbaren Gerät. Vielmehr, es muß: Denn mittlerweile hat es seine Wiederauferstehung gefeiert. Die Tischlerei Kastner aus der bei Greifswald gelegenen Gemeinde Lubmin hatte 2008 zunächst zwei leicht veränderte Prototypen gefertigt, bevor das Gerät schließlich im laufenden Jahr in Serie ging. Zu Testzwecken wurden mittlerweile 18 der multifunktionalen Sportgeräte an Kindertageseinrichtungen geliefert.

Am Grundprinzip hat sich indes nicht das Geringste geändert. Hält das KTG doch, wie es auf der Netzseite www.ktg-greifswald.de heißt, »Dutzende Kombinationsmöglichkeiten« bereit, ersetzt es »viele einzelne Geräte«.

Mutter der praktischen und wissenschaftlich erprobten Schöpfung ist Eleonore Salomon. Zur Zeit ihrer Erfindung arbeitete die mittlerweile 83jährige als Sportwissenschaftlerin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. »Meine zwei Söhne gingen in den Kindergarten, und ich stellte fest, daß dort nur ein paar Bälle, Reifen, Springseile und zwei Turnbänke für die körperliche Ertüchtigung zur Verfügung standen«, erklärte sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp.

Im Kampf gegen die Unbeweglichkeit

Ergebnis ihres Tüftelns war ein Gefüge, das aus Stand- und Schwebebalken, Reckstangen, Leitern, Kästen besteht und überdies auseinandernehmbar und leicht zu transportieren ist. Entsprechend breit sind die Möglichkeiten der Nutzung als Klettergerüst, Sprossenwand, Turnbank, Reck, Barren, Kasten oder Leiteranlage.

Die Wiederkehr des KTG Greifswald ist allerdings mit einem traurigen Anlaß verbunden. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind bis zu einem Fünftel der Schulanfänger übergewichtig oder sogar fettsüchtig. Laut einer Vergleichsstudie, erstellt unter Leitung des Greifswalder Professors für Bewegungs- und Trainingswissenschaft Peter Hirtz, gingen bei Kindergartenkindern zwischen 1987 und 2002 Reaktionsfähigkeit, Schnellkraft und Ausdauer um zehn bis 20 Prozent zurück. Das vielseitig verwendbare Instrument könnte hierbei eine wichtige Lücke schließen.

Gewaltige Lücken klaffen in Mecklenburg und Vorpommern (und wohl nicht nur hier) offenbar auch bei den schwimmerischen Fähigkeiten unter Heranwachsenden. Zum wiederholten Mal hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) den hohen Anteil an Nichtschwimmern kritisiert.

Jeder Schüler ein Schwimmer!

So könne bei den Zwölfjährigen jeder Vierte bis jeder Dritte nicht schwimmen, heißt es beispielsweise in einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur vom 23. Juni dieses Jahres unter Berufung auf den Sender Antenne MV. Dem Radiosender gegenüber erklärte DLRG-Landesvize Rainer Schröder, daß vornehmlich im ländlichen Raum längst nicht mehr alle Schulen Schwimmunterricht anböten, da der Weg zur nächsten Schwimmhalle zu weit sei.

In anderen Bundesländern, so Schröder weiter, gehöre das Schwimmen ohne Wenn und Aber zum Sportunterricht, was auf Mecklenburg-Vorpommern nicht zutreffe. Hier erklärte das Kultusministerium die Erteilung von Schwimmunterricht zwar zum hehren Ziel, wobei die Umsetzung letztlich den Schulträgern obliegt. Und die sind nicht verpflichtet, für die Kosten (vor allem Fahrten und Nutzungsgebühren für Bäder) aufzukommen; in vielen Fällen fehlt auch einfach das Geld.

Die Nationaldemokraten im Schweriner Landtag versuchten in der Vergangenheit, mit mehreren Kleinen Anfragen Licht ins Dunkel zu bringen. Das Ergebnis ist mehr als erschreckend. So gibt es keine Datenerhebung über die schwimmerischen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern. Auch erfolgt bei den Lehrkräften keine Aufschlüsselung nach der Befähigung, Schwimmunterricht erteilen zu dürfen.

Die NPD-Landtagsfraktion wird sich mit dem Problem weiter auseinandersetzen und zum gegebenen Zeitpunkt einen Antrag einbringen, damit das Motto nicht »Deutschland ersaufe«, sondern »Jeder Schüler ein Schwimmer« lauten kann.