Der Reiter soll weg!

04.11.2009 | von Redaktion | Kategorie: Zeitgeschichte / Geschichte

Namibia: Das alte Südwester-Wahrzeichen in Windhuk soll einem Museum weichen

Reiter
Wahrzeichen: Der Reiter von Windhuk

Auch im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, weht der Wind jetzt etwas rauher, und das bekannte Reiterdenkmal in der Hauptstadt Windhuk wird plötzlich zum Politikum. Seit seiner Einweihung am 27. Januar 1912 überstand der bronzene Reiter des Künstlers Adolf Kürle vor der »Alten Feste« alle Höhen und Tiefen, die das Land erleben mußte.

Nachdem schon im Jahre 2001 eine Verschiebung des Reiters vom Parlament beschlossen wurde, ist die Demontage nun Realität geworden. Die Verschiebung des Reiters soll Platz für ein neues Unabhängigkeitsgedenkmuseum schaffen, das alsbald von einer nordkoreanischen Firma aus dem Boden gestampft werden soll.

Wie Esther Moombolah-Goagoses, Vizedirektorin und Leiterin des Nationalmuseums im Kulturministerium, immer wieder beteuert, soll das Denkmal aber erhalten bleiben und einen neuen Platz bei der »Alten Feste« erhalten. Für einen großen Teil der Südwester ist der Reiter ein nationales Wahrzeichen und hat seinen Platz dort, wo es schon seit Jahrzehnten steht.

Einige kritische Stimmen meinen sogar, es handle sich hier um eine späte Aufarbeitung der kolonialen Geschichte des Landes, denn was mit der Umbenennung von Plätzen und Straßen begonnen hat, soll nun mit der Verschiebung fortgeführt werden.

Wie die älteste Tageszeitung Namibias, die Allgemeine Zeitung, auf ihrer Weltnetzseite am 29.07.2008 berichtete, beteiligten sich rund 420 Leser an einer Online-Umfrage, und 95,5 % dieser Leser sprachen sich gegen eine Verschiebung aus. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig es vielen Deutschen auch weitab ihrer deutschen Heimat ist, trotz aller Umbrüche und Veränderungen für ein Stück kolonialer deutscher Geschichte Initiative zu ergreifen.

Der Streit um den Standortwechsel ist noch lange nicht beendet. Das beweisen auch die Vorfälle während der monatelangen Diskussion. Im Oktober 2008 befestigten Unbekannte eine Namibiafahne am Gewehrlauf des Reiters. Erst im Juli des Jahres 2008 wurden 51 Holzkreuze in der Nähe des Reiters aufgestellt. Sie trugen zum größten Teil Inschriften mit Herero-Namen.

Nach diesen kleinen Provokationen ebbte die Diskussion für einige Monate ab. Es sollte die Ruhe vor dem Sturm sein, denn im August 2009 wurde die Demontage zur Realität, und erneut entbrannte die Debatte um den bronzenen Reiter. Die Pläne für das geplante Unabhängigkeits-Gedenkmuseum lagen zu diesem Zeitpunkt schon griffbereit in den Schubladen der Ministerien.

Demontage-Pläne in der Schublade

Die Kosten für die Demontage, den Transport und die Neuaufstellung waren, wen wundert es, nicht miteingeplant. Dies wurde den Vertretern des Deutschen Kulturrates (DKR) bei einem Gespräch mit Vertretern der Ministerien mitgeteilt. Wer die Machtverhältnisse im heutigen Namibia kennt, weiß das Verhalten der Regierung in diesem Fall zu deuten.

Der Deutsche Kulturrat, der sich mit einem Spendenaufruf an die Öffentlichkeit wandte, versuchte die Gemüter mit diesem Aufruf zu beruhigen, und rief dazu auf, »… von Kundgebungen und emotionalen Äußerungen in den Medien zu dem Thema abzusehen«.

»Den Deutschen auf der Nase herumtanzen«

Viele Südwester, aber auch ehemalige Besucher und Touristen, die einmal das Reiterdenkmal besuchten, ließen sich gleichwohl nicht daran hindern, ihre Meinung kundzutun und ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Die Leserbriefe an die Allgemeine Zeitung in Windhuk (www.az.com) lassen erahnen, welche Meinung ein Großteil der Leser zu diesem Thema hat. Eine Lesermeinung zu diesem Thema vom 7. August 2009 spricht vielen Südwestlern sicherlich aus dem Herzen und gibt wieder, was viele denken. Der namentlich nicht genannte, aber der AZ-Redaktion bekannte Autor dieser Zeilen analysiert in einem Abschnitt seines Textes die Sachlage so:

»Der Tintenpalast, die Christuskirche, das Reiterdenkmal und die Alte Feste bilden den Kern des alten historischen Windhoeks. Sie gehören zur Stadt Windhoek und zur Geschichte. Sie gehören nicht der SWAPO, einer Partei, auf die wir uns verlassen können, wenn es gilt, um der eigenen Propaganda Willen die Geschichte zu fälschen. Im Krieg und in der Politik ist die Wahrheit stets das erste Opfer. Da sind deren Seite, meine Seite und die Wahrheit. Das wirkliche Problem liegt viel tiefer. Das Pferd und sein Reiter symbolisieren die Vergangenheit. Allzu lange mußten wir nach der Pfeife der Deutschen tanzen. (1884 – 1914 = 30 Jahre). Jetzt können wir ihr eisernes Pferd tanzen lassen und zeigen, wer hier die Herren sind. Dazu können wir die Deutschen auch beleidigen und von ihnen mehr Entwicklungshilfe fordern. Als Kinder des Befreiungskampfes ist das unser Recht.«

Für jeden Touristen, der einmal im Land war und die Hauptstadt Windhuk besuchte, gehörte das Reiterdenkmal zum Pflichtprogramm. Seit fast 100 Jahren hatte der Reiter seinen festen Platz im Herzen der Hauptstadt Windhuk. Nun soll an dieser Stelle im März 2010 das neue Museum eröffnet werden, und die Besucher werden aufgeklärt über die Geschichte des Landes und somit auch mit Sicherheit über die schrecklichen Jahre während der deutschen Kolonialzeit.

Vielleicht liegt der Autor dieser Zeilen aber auch falsch, und die Macher der Ausstellung bedienen sich z.B. der Fachliteratur von Dr. Claus Nordbruch und binden die Erkenntnisse aus seinem Buch »Völkermord an den Herero?« in ihre Arbeit mit ein.

Namibia hat in dieser schweren Zeit mit Sicherheit größere und wichtigere Probleme als den Bau eines Unabhängigkeits-Museums. Die steigende Kriminalität, die Korruption, die Arbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Lage lassen erkennen, wo echter  Handlungsbedarf besteht.

Die Inschrift der Gedenktafel:

»Zum ehrenden Angedenken an die tapferen deutschen Krieger, welche für Kaiser und Reich zur Errettung und Erhaltung dieses Landes während des Herero- und Hottentottenaufstandes 1903 bis 1907 und während der Kalahariexpedition 1908 ihr Leben ließen. Zum ehrenden Andenken auch an die deutschen Bürger, welche den Eingeborenen im Aufstande zum Opfer fielen. Gefallen, Verschollen, verunglückt, ihren Wunden erlegen und an Krankheiten gestorben, von der Schutztruppe: Offiziere 100, Unteroffiziere 254, Reiter 1180, von der Marine: Offiziere 7, Unteroffiziere 13, Mannschaften 72, im Aufstande erschlagen: Männer 119, Frauen 4, Kinder 1.«

Andreas Biere