Unternehmen »Zwergensprache«
02.03.2009 | von Redaktion | Kategorie: TribüneCouragierte PädagogInnen im Kampf gegen »Babyfrust«
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Sie erkennen die Zeichen der Zeit und sind ihr voraus, sie wagen mutig den Sprung ins kalte Wasser und entwickeln sich zu Vorreiterinnen einer Strömung, die »im englischen Sprachraum schon seit Jahren verbreitet ist«. Unerschrocken setzen sie ihren Fuß aufs deutsche Neuland: »Weil Mama mal wieder nichts verstanden hat«, treten sie auf den Plan und stellen sich kampfbereit dem Alptraum von Eltern in westlicher Zivilisation, dem Sprößlingsfrust.
Mittels Gebärden soll das Kind sich so mitteilen können, daß es verstanden wird und nicht mehr unnötig weinen muß. Das in der Pädagogik unter normalen Umständen sehr verbreitete Wort »Frustrationstoleranz«, welches nichts anderes beschreibt als die für soziale Wesen lebensnotwendige und heilsame Erfahrung, nicht immer im Mittelpunkt stehen und auch mal alleine mit einer Situation fertig werden zu müssen, ist jenen Wellenreiterinnen auf der Woge neuester Erziehungspädagogik unbekannt.
Ihre Mission heißt: »Baby-Signs – Unternehmen ›Zwergensprache‹«, ihr verlockendes Ziel: »Hirnentwicklung und Spracherwerb fördern«, ihr Rüstzeug: »75 Gebärden für beispielsweise: an und aus, Hund, noch mal… in einem zwölfwöchigen Kurs.« Ihre wissenschaftlichen Referenzen: »unwissenschaftlich«. Weiter gibt es empirische Beweise. »Stand der Forschung: man weiß es nicht.« Das ist auch unerheblich, egal, denn »Baby-Signs« ist in Deutschland angekommen und auf dem Vormarsch in einem Land, in dem der Verstand werdender Eltern mit wachsendem Bauch immer mehr zu schwinden droht.
Hintergrund des neuen markt-erobernden Kurses in Baby-Zeichensprache ist die Gebärdensprache, die für gehörlose und auch geistig behinderte Kinder entwickelt wurde. Gerade bei Kindern mit relativ leichter geistiger Behinderung, wie bei Trisomie 21 (Down-Syndrom), wird durch gebärdenunterstützte Kommunikation (GuK) tatsächlich der Spracherwerb ganzheitlich gefördert und die geistige Entwicklung positiv beeinflußt. Wissenschaft, Erfolge und Beweise sind im Einsatz von Gebärden bei Gehörlosen und geistig Behinderten gegeben.
Ohne die Fähigkeit zur Kommunikation kann sich das Gehirn nur begrenzt bis gar nicht entwickeln. Das gilt für alle denkenden Lebewesen, zu denen Eltern immer weniger gehören wollen. Vielmehr scheinen sie sich auf das Niveau eines Pawlowschen Reflexes zu reduzieren, der ihnen suggeriert, immer dann, wenn etwas richtig viel Geld kostet, macht es dir den Mund wässrig! Sprachförderung bei gesunden Kindern? Ah, es geht um das Reizwort »Hirnentwicklung«, quasi Intelligenzsteigerung! Na, wenn das Kind denn nun zu Höherem geboren ist, ist klar, daß ein adäquater Kurs besucht werden muß.
Englischunterricht – hilft gegen Intelligenz
Hier reicht die Eigenintelligenz der Eltern nicht mehr aus, um einem Säugling von sechs Monaten entsprechende Anreize zu geben und die Entwicklung zu fördern. Kniereiter- und Fingerspiele sind reaktionär, Bilderbücher könnten die Phantasie der ganzen Familie anregen, Phantasie stört die Wirtschaftlichkeit und Ökonomie der Intelligenz. Geschultes Fachpersonal muß her, und hinter der Schulung steht niemand geringeres als die Humboldt-Universität Berlin.
Dort gibt es ja auch den Studiengang »Geschlechterstudien«, der Mama und Papa sowieso für Fossile rückständiger Vorzeit hält und uns zu androgynen SelbstverwirklicherInnen erzieht. Der »Rattenfänger von Hameln« holt schon längst nicht mehr die Kinder, sondern die Eltern, was bleibt, sind Kurse, in denen im Nirvana schwebende Eltern stolz darauf sind, wenn ihr Säugling mittels Gebärdensprache einen »Mann im Frack als Pinguin« bezeichnet.
Sollte das Kind dann mit drei Jahren die Bedrohung der Pinguine durch das Schmelzen der Pole sowie dessen Ursachen weltphilosophisch abzuhandeln wissen, fängt im Kindergarten – zum Glück! – der Englisch-Kurs an. Das Kind wird mit Sprachverwirrung außer Gefecht gesetzt, die allmählich unangenehm zu werden drohende Ausbildung weiterer Intelligenz hin zum selbständigen Denken wird noch rechtzeitig abgebogen, und Deutsch wird offiziell zur »Zwergensprache« erklärt. Narhallamarsch!
Sigrid Schüssler










