Der Berg aus Blut und Eisen
02.03.2009 | von Redaktion | Kategorie: Zeitgeschichte / GeschichteEin Husarenstück am Beginn des Gebirgskrieges: die Erstürmung des Monte Scorluzzo
Schwer drückt die Nacht auf dem Grenztal Trafoi. Der Ortler mit seinem Eispanzer leuchtet glitzernd-grau im Mondschein. Er stemmt seinen Jahrtausende alten Eispanzer in Richtung Stilfser Joch, als wolle er sagen: »Bis hierher und nicht weiter!«
Wir schreiben das Jahr 1915, den 23. Mai, Italien hat Österreich-Ungarn den Krieg erklärt, das Übelste aller Dinge ist über Tirol gekommen, der Erste Weltkrieg.
Die ersten Sonnenstrahlen streifen das flache Dach der Sperre Gomagoi, die Mainacht war mild, und die Sonne zeigt sofort ihre Wirkung. Ein Posten der Standschützen Trafoi wärmt sich mit den ersten Sonnenstrahlen die Hände. Seine Blicke richten sich auf das Eiserne Tor der Festung. Dieses etwas sperrige Tor öffnet sich knarrend, ein Offizier schreit: »Vergatterung!« Alle strömen auf den Platz und stellen sich in einem Block auf.
Das Manifest des Kaisers wird von einem Offizier der Kaiserjäger verlesen. Die ersten Befehle werden an die Unteroffiziere weitergegeben. Diese teilen die Gruppen ein und marschieren los. Eine Gruppe geht sofort zum Kleinboden oberhalb der Festung Gomagoi. Die andere marschiert zum Stilfser Joch. Es ist wieder einmal soweit, Tirols Grenzen sind bedroht, und alle marschieren los, um sie willig und ohne zu murren zu verteidigen.
Mai 1915, die Feldwache am Stilfser Joch bemerkt die ersten Bewegungen des Feindes. Alpini pirschen sich im Blockwerk und auf den Felsgraten immer näher ans Joch heran und tauchen auf den umliegenden Höhen auf. Auch auf der lang gezogenen Felskette, dem italienischen Monte Scorluzzo, sind sie zu sehen. Der Monte Scorluzzo überragt mit 3095 Metern das Stilfser Joch um 300 Meter. Jede Maus, welche die Paßhöhe überschreitet, sieht man von dort oben. Damit ist gemeint, wer diesen Berg beherrscht, der ist der Herr über diesen Paß und noch viel mehr.
Der erste Schuß fällt. Unmut macht sich breit. Finanzer und Standschützen haben sich in der einzigen Deckung verschanzt, die es am Joch gibt – das Wahrzeichen des Stilfser Joches, das Hotel »Franzenshöhe«. Die Fenster sind mit klobigen Jalousien verrammelt. Sandsäcke werden gefüllt und in die Fensterrahmen gedrückt, um sich von den heulenden Schüssen der Alpini zu schützen. Andauerndes Gewehrfeuer sprengt den Putz von den Wänden, und keiner wagt sich aus dem Haus. Nur bei Nacht ist es möglich, sich etwas zu bewegen. Täglich bekommt der Scorluzzo ein anderes Aussehen. Alpini heben Gräben und Deckungen aus, als hätten sie einen Angriff zu erwarten, nicht die Österreicher.
Ahnungslose Alpini
Auch am Kleinboden heben Standschützen Gräben und Deckungen aus. Diese werden mit Holzbalken ausgekleidet, und Wachposten beobachten von nun an die Talsohle von Trafoi.
Am Goldsee vollzieht sich das gleiche Prozedere, denn von dort aus sind die halbe Paßhöhe und der Kleine- und Große Scorluzzo bestens einsehbar. Dort werden vier alte Uchatikanonen, deren Bronzerohre schon zum Einschmelzen verurteilt waren, aufgestellt. Unmut und Ratlosigkeit macht sich unter den Finanzern, Kaiserschützen, Standschützen und Landstürmern breit, man versteht den Feind nicht. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit greift er nicht an. Überschätzt er die Lage? Ist er über den Stand der österreichischen Abwehr am Joch nicht genügend informiert? Hätte er gewußt, welches elende Häuflein von schlecht ausgerüsteten Männern dort unten am Joch sitzt und auf einen Angriff wartet, dann wäre ihm sicher nicht eingefallen, so lange zu warten.
Der Italiener brauchte nur einen Spaziergang durchs Trafoital zu machen, wäre in den Vinschgau gelangt und hätte dem südlichen Frontabschnitt erheblichen Schaden zugefügt. Vielleicht dachten die Italiener an die Kriege gegen Napoleon, wo haufenweise Bauern mit Morgensternen, Sensen, Dreschflegeln und anderen Höllenwaffen aus allen Löchern stürmten und alles niedermachten, was sich bewegte. 1. Juni 1915 im Hotel »Franzenshöhe«: Die täglichen Schießübungen der Italiener haben die Jalousien des Hotels durchsiebt. Diese hängen in Fetzen von der Wand.
Granatregen aus alten Geschützen
Der Abschnittskommandant und Kaiserjägerhauptmann Andreas Steiner kommt selbst aufs Joch und sieht sich die Lage an. Auch eine Patroullie trifft ein und meldet, daß Alpini an der 4. Kantoniera Geschütze in Stellung bringen, um das Hotel zu beschießen. Steiner erkennt die verzwickte Lage und schmiedet einen Plan. Der einzige Weg besteht darin, den Berg zu stürmen, koste es, was es wolle. Da man an eine Einwilligung von höherer Seite nicht denken kann, beschließt Steiner den Berg mit seiner kleinen Truppe eigenhändig zu stürmen.
Von höherer Seite will man den Feind momentan nicht mit Aktivitäten reizen und abwarten. Das ist in diesem Fall aber ein großer Fehler, den Steiner sofort erkennt. In der folgenden Nacht rückt die befohlene Verstärkung an, 15 Standschützen vom Kleinboden und ein Dutzend Kaiserschützen der Hochgebirgskompanie Tafoi aus der Sperre Gomagoi.
Am Morgen des 3. Juni kommen alle Soldaten im Speisesaal des Hotels »Ferdinandshöhe« zusammen, es ist eine bunte Truppe aus Finanzern, Standschützen, Kaiserjägern, Landstürmern mit alten Werndlgewehren und anderen Feuerwaffen aus vergangener Zeit. Ihre Uniformen sind unvollständig, einige tragen nur alte Lederhosen und die Jacke der Standschützen, weil sie keine Hosen mehr ergattern konnten. Es hallt ein Schrei durch den Saal, »Vergatterung!«
Unruhe macht sich breit, alles geht drunter und drüber, alle stellen sich willig der Wand entlang zu einer Zweierreihe auf. Dem Einen wird plötzlich heiß im Kopf, ein Anderer tuschelt mit seinem Nachbarn: »Jetzt wird‘s ernst.« Wieder ein Anderer weiß nicht recht, ob er richtig steht, und schaut nervös herum. Wieder ein Anderer reißt seine Pfeife aus dem Mund und weiß nicht recht, wohin mit dem glühenden Teil. Der Wachtmeister, der für die Aufstellung verantwortlich ist, rollt die Augen und sagt: »Geaht´s enk zom, aufstelln hon i gsogt, nit umi rennen!«
Ein Offizier tritt in den Saal und spricht: »Die Situation ist untragbar. Der Feind hat Artillerie in Stellung gebracht und wird in Kürze angreifen!« Von außen haben wir keine Hilfe zu erwarten. Wir müssen selber schauen, wie wir diese Situation meistern. Morgen früh greifen wir an! Die Batterie am Goldsee wird uns unterstützen und die Gräben der Feinde niederwerfen.«
Im Saal macht sich eine fast unerklärliche Stille breit, da und dort hört man noch einen Raucher etwas laut atmen, sonst nichts. Was mag wohl in den Köpfen dieser Tapferen vor sich gegangen sein? Alle werden eingeteilt, keiner regt sich auf, alle gehen willig auseinander und suchen ihren Schlafplatz auf.
Zusammengewürfelte Truppe
4. Juni 1915 morgens: Eine Fahne wird in Richtung Goldsee hinausgehängt. Zwei Minuten später donnern die vier Uchatikanonen los. Sie schleudern einen Regen von Metall auf die Gräben der Alpini. Diese duckten sich verdutzt in ihren Laufgräben. Als kein Schuß mehr von Seiten der Alpini fällt, kommt das Kommando: »Angriff!« Zwei Gruppen stürmen los. Kaum ein Laut ist zu hören. Auf halben Weg zum kleinen Scorluzzo bleiben die etwas Älteren schon recht weit zurück, aber die Jungen stürmen wie Lokomotiven dem Steiner hinterher. Dieser blickt nicht einmal zurück, ob ihn jemand folgt, er stürmt mit seiner gezogenen Waffe vorwärts. Wütend heulen die Geschosse der Uchatikanonen zum Gipfel des Scorluzzo und reißen tiefe Scharten in die Steinwälle der Italiener.
Diese bemerken den Angriff der Österreicher nicht. Die ersten Kaiserschützen und Standschützen kommen am kleinen Scorluzzo an, ihre Lungen dehnen sich wie Blasebälge im Leib, und die Herzen hämmern wie eine wilde Lokomotive. Als Steiner am ersten Felswall ankommt, wirft er sich brüllend über diesen, einige Alpini zucken zusammen und treten die Flucht an. Einige der Italiener bemerken, daß die Angreifer in geringer Zahl sind, und greifen nach ihren Gewehren.
Diese werden aber von einer brüllenden nachrückenden Gruppe niedergestreckt. Weiter geht’s in Richtung Hauptgipfel. Viele Alpini liegen schon tot am Boden, denn die Kanonen haben ganze Arbeit geleistet. Noch fünf Schüsse heulen durch die Luft, dann schweigen die Kanonen. Hauptmann Steiner springt hoch, in der Rechten die gezogene Waffe. Ein Ruck geht durch die Gruppe, die bunte Truppe folgt ihm willig. Oben angekommen, stürmen sie wieder schreiend den Gipfelgraben, Alpini schmeißen schreiend die Waffen weg und machen sich aus dem Staub. Eine schreiende Meute wilder Angreifer hängt sich ihnen an die Fersen und nimmt sie gefangen. Einige der Italiener stehen nur verdutzt da und bemerken, daß diese Truppe gar kein richtiges Militär ist, sondern nur ein wildzusammengewürfelter Haufen. Ein Raunen geht durch die Reihen der Gefangenen, O santa madonna…
Einige der Landstürmer laufen einer Kette von Italienern hinterher und beschießen sie wild mit ihren Gewehren. Sie fuchteln mit ihren aufgepflanzten Bajonetten herum, den Einen oder Anderen strecken sie noch nieder, dann hat der Spuk ein Ende.
Der Monte Scorluzzo ist erobert. Er wird in den folgenden Tagen zu einer regelrechten Festung ausgebaut. Die Italiener stürmen den Berg schon am nächsten Tag. Aber ohne Erfolg.
In den folgenden Kriegsjahren wird er noch unzählige Male, ja fast täglich von den Alpini in Begleitung der italienischen Artillerie aus dem Brauliotal gestürmt, aber der Scorluzzo kann von den Italienern bis Kriegsende nicht zurückerobert werden. Durch den starken jahrelangen Beschuß durch die Italienische Artillerie, die tonnenweise Granaten auf den Gipfel schleudern, kommen unzählige tapfere Soldaten aus beiden Kriegsparteien dort oben ums Leben. Auch heute noch kann man die Einschlagtrichter der Granaten zählen, die der Frost und der Zahn der Zeit langsam verschwinden lassen. Aus diesem Grund wird dieser Berg der »Blut- und Eisenberg« genannt.
Hätte Hauptmann Steiner diesen Schritt nicht eigenmächtig gewagt, wäre die Ortlerfront schon in den ersten Kriegstagen verloren gewesen.
Hans-Joachim Stoyan









